Revelations: Persona

  • Plattform: PlayStation
  • Release: 20.09.96 (J), 1996 (US)

Im Jahr 1996 sah es im Westen noch eher mau aus, was Releases unser aller Lieblingsgenres für die PSX anging. Wild Arms lies noch etwas auf sich warten, Arc the Lad setzte ein Release in dieser Konsolengeneration beinahe ganz aus. Was blieb war so ziemlich der erste Teil der Suikoden-Saga und das schreckliche Beyond the Beyond von Camelot. Bis dann Atlus einsprang und mit dem ersten Teil der Persona-Reihe das Debüt der MegaTen-Serie im Westen feierte – vorerst zum kurzlebigen „Revelations Series“ umbenannt.

Eine Gruppe Teenies „spielt“ gerade Persona, eine Art Mutprobe ähnlich dem mehrfachen Sagen eines gewissen Namens vor dem Spiegel. Jeder stellt sich in eine Ecke des Raumes, sagt Persona und etwas Unheimliches soll passieren. Und tatsächlich, der Geist eines kleinen Mädchens erscheint, alle fallen in Ohnmacht und haben den Traum von einem Schmetterling und einem maskierten Mann, der ihnen von mehreren Ichs in ihnen erzählt. Seltsam, aber zum Reflektieren der Ereignisse ist grade keine Zeit, ist man doch schon spät dran eine seit längerer Zeit im Krankenhaus liegende Schulkameradin zu besuchen. Kaum im Krankenhaus angekommen stimmt aber irgendwas so gar nicht. Zum einen scheint Mary plötzlich putzmunter und hat von irgendeiner Krankheit keinen Schimmer. Und Monster erscheinen in der ganzen Stadt, die nun auch von einer Barriere umgeben ist.

Wer gerne Horrorfilme schaut, besonders viele in den 80ern und 90ern gesehen hat, wird gewisse Inspirationen im Plot von Persona wieder erkennen. Das ändert nichts daran, dass es für ein jRPG mal wieder eine sehr originelle und unverbrauchte Geschichte mit einigen interessanten Einfällen darstellt. Zumindest in der Theorie auf dem Papier – in der Praxis im Spiel hapert es dann leider. Ganz am Anfang geschehen ein paar interessante Dinge und gegen Ende, dazwischen dümpelt es eher langweilig vor sich hin. Der Sache wird nicht geholfen, dass zwar im Vergleich zu den vorigen MegaTens auch etwas stärker auf die Charaktere eingegangen wird, die aber alle extrem unsympathisch sind.

Das Gameplay ist gegenüber der Hauptserie simpler und gleichzeitig in einigen Punkten komplexer, dummerweise genau an den falschen. Dämonen rekrutieren gibt es hier nicht. Ansprechen kann man sie aber dennoch, jeder Charakter hat 4 verschiedene Skills auf die die Dämonen unterschiedlich reagieren. Leider sind die Optionen noch kryptischer als es in der Serie eh schon üblich ist, allerdings zeigt Persona einem an, wie gut oder schlecht der Skill gerade funktioniert hat, was das Trial and Error eindämmt. Hat man einen Dämon erfolgreich bequatscht, hinterlässt er seine Karte. Zwei Karten können im Velvet Room zu einer Persona fusioniert werden, die dann von den Charakteren ausgerüstet wird. Das beeinflusst zum einen die Skills, die sie benutzen können, gleichzeitig auch die Stärken und Schwächen gegen gewisse Elemente und Boosts in unterschiedlichen Stati.

Die Achillesferse des Gameplays ist dabei das Kampfsystem, da es nervig langsam vor sich hindümpelt. Die Charaktere können auf ihrer Seite der Kampfarena nach belieben positioniert werden. Das führt dazu, dass sie von ihrer Position aus allerdings dann auch nur gewisse Bereiche der Gegnerseite angreifen können. Das sollte den Kämpfen wohl eine strategische Note verleihen, macht sie aber nicht wirklich anspruchsvoller, sondern nur länger, wenn ständig Charaktere eine Runde überspringen müssen, weil sie keinen Gegner im Angriffsfeld haben. Zumindest bis man Personae dabei hat, deren Skills auf alle Gegner gehen und die man dann pausenlos beschwört. Leider sind die Animationen der Angriffe, Beschwörungen etc. pp. so lang wie sie unspektakulär sind. Eine einzelne Kampfrunde bei Persona dauert einfach wesentlich länger, als sie müsste, auch wenn nicht viel passiert. Auf Dauer geht einem das, gebündelt mit den langen Ladezeiten vor und nach den Kämpfen, einfach tierisch auf den Keks. Auch die Erfahrungspunktvergabe hat eine strategische Note bekommen. Nicht jeder beteiligte Charakter bekommt am Ende des Kampfes die gleiche Anzahl, sondern es wird daran errechnet, wie viel der Charakter im Kampf gemacht hat. Langsame Charaktere, die nicht so oft dran kommen und Charaktere mit Skills, die nicht alle Gegner treffen, bekommen dadurch wesentlich weniger Erfahrungspunkte am Ende des Kampfes als schnelle Charaktere mit Skills, die alle Gegner treffen. Will man am Ende des Spieles also keine Charaktere haben, die 10 Level hinter dem Rest her hinken, muss man auch hier immer mal wieder Charaktere ihre Runde überspringen lassen, damit die langsameren auch mal zum Zug kommen. Ergo, noch mehr Zeit verschwenden.

Die langen Dungeons helfen da natürlich mal wieder nicht weiter. Sie sind immerhin wesentlich kürzer und weniger verschachtelt als die SNES-Teile. Und zum Glück auch mit weniger Bodenfallen. Trotzdem sind sie häufig einen Tick zu lang und vor allem langweilig. Wie immer findet alles in der 1st-Person-Ansicht statt und wie immer sieht jeder Gang gleich aus. Die Automap geht sicher, dass man sich immerhin nicht total desorientiert ständig im Kreis dreht. Es ist trotzdem nicht sehr spaßig Stockwerk für Stockwerk durch Kilometer an genau gleichen Gängen zu laufen, Treppe hoch, Treppe in einen neuen Bereich runter, Treppe wieder hoch, nach 50 Sackgassen endlich den richtigen Weg gefunden… zu Beginn des Spieles geht’s noch, aber in den letzten paar Dungeons war ich mehrmals versucht die PlayStation einfach mittendrin aus zu machen. Nicht weil’s so schwer war, sondern weil ich einfach massiv gelangweilt war. Immerhin scrollen sie recht schnell dahin, was man von der großen Stadt leider nicht sagen kann. Wie häufig bei den „Oberwelt“-Karten in MegaTen ist sie recht unspektakulär und mit Encountern geschlagen, scrollt aber so langsam dahin und man muss wiederholt zwischen den Ortschaften hin und her laufen, dass man sie wirklich bald zu hassen lernt.

Immerhin ist die Rate an Zufallsbegegnungen angenehm niedrig, da sie für die US-Version extra gesenkt wurde. Macht das Spiel dadurch auch zu einem Spaziergang durch den Park. Die MP-Kosten in Persona richten sich nämlich nicht nach dem Skill, der geworfen wird, sondern nach dem Level der Persona, die dafür beschworen werden muss. Und erstaunlich niedrige Personae haben teilweise schon sehr gut Skills, die gegen minimale MP-Kosten einen bis ans Ende des Spieles durch die Zufallsgegner tragen können. Das Laufen durch die Dungeons regeneriert dabei langsam die MP, was gebündelt mit der niedrigen Encounterrate dazu führt, dass man eigentlich nur selten mehr MP verbraucht, als man zwischen zwei Kämpfen durch pures Rumlaufen wieder bekommt. Entsprechend unterlevelt kommt man dann auch bei den letzten Bossen des Spieles an, die die Gelegenheit nutzen um den Boden mit einem zu wischen, was zu reichlich nachleveln führen kann.

Grafisch macht das Spiel als frühes PSX-RPG natürlich nicht mehr viel her, hat sich aber brauchbar gehalten. Die FMVs sind mit am schlechtesten gealtert, aber wenige and er Zahl, kurz und zeigen häufig keine Menschen sondern nur Umgebung, was sowieso dann nicht so schlecht aussieht. Das Erforschen der Dungeons ist wie gesagt 1st Person und in die 3D-Gänge schauen brauchbar aus. Wann immer man in einen Raum kommt, in dem was passiert, ob es nun ein Event ist oder nur ein paar Schatztruhen zum Öffnen auf einen warten, wird in die Vogelperspektive umgeschaltet, bei der die Sprite-Charaktere extrem hölzern agieren. Die Sprites in den Kämpfen sind allerdings ganz brauchbar durchanimiert. Die Musik hingegen ist ziemlich gut. Wie immer gibt es eine Mischung aus rockigeren Stücken und manchmal nur Ambiente als Dungeon-Thema, wobei hier auch ein stärkerer Techno-Einschlag zu spüren ist, was gut zum Setting des Spieles passt. Außerdem ist das Velvet-Room-Thema eines der besten Stücke, die man je in einem MegaTen zu hören bekommen wird.

Die US-Lokalisation ist übrigens ordentlich in die Hose gegangen. Das Spiel ist schlecht übersetzt, Charaktere wurden neu benannt und die Portraits umgezeichnet, um sie amerikanischer erscheinen zu lassen. Was sowieso ziemlich unsinnig ist, wenn mitten in der Stadt ein Shinto-Schrein steht und einige Kampfschreie der Gegner eindeutig japanische Versatzstücke sind. Zudem wurde ein langes optionales Sidequest, das Snow Queen Chapter, komplett entfernt.

Fazit:
Das erste Persona ist ein von viel zu vielen Designschnitzern geplagtes Spiel, um wirklich noch spielenswert zu sein. Interessante Story ganz schlecht erzählt, an den vollkommen falschen Stellen verkompliziertes Gameplay, viel zu lahmarschiger Spielablauf. Und unterm Strich einfach kein Spielspaß. Die katastrophale US-Lokalisation ist da nur das I-Tüpfelchen.

Um mal Mark zu Beginn des Spieles zu zitieren: „We’re going to play Persona? What? Are you stupid?“ Ein plötzlicher Anfall von self awareness?

3 von 10 Punkten

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