Nier

  • Plattform: PlayStation 3
  • Release: 22.04.10 (J), 27.04.10 (US), 23.04.10 (EU)

Cavia, die mittlerweile so nicht mehr existieren, haben hauptsächlich Spiele für die Franchises anderer Firmen entwickelt. Ghost in the Shell für Bandai, die Resident Evil Chronicles für Capcom oder Young Yangus für Square Enix beispielsweise. Eines der eigenen Spiele war das von Square Enix publishte und sehr interessante Drakengard, leider gefolgt von einem sehr enttäuschenden Nachfolger. Ihr letztes Spiel sollte Nier werden, in Japan als XBox360-Version mit altem und PS3-Version mit jungem Hauptcharakter erschienen, im Westen zwar für beide Konsolen, jedoch beide in der Version des alten Niers, der seine Tochter retten will.

Das Spiel beginnt im Jahr 2049 in den Ruinen einer Großstadt. Ein Vater versucht seine Tochter vor Shades zu verteidigen, ist aber zu schwach und muss einen Packt mit einem Buch eingehen. Dann springen wir 1300 Jahre in die Zukunft. Vater und Tochter leben plötzlich in einer Mittelalterfantasy-esquen Welt in einem beschaulichen Dörfchen. Doch der Schein trügt, denn die Welt ist am Sterben und eine Seuche greift um sich, an der auch Niers Tochter erkrankt ist. Nier scheint auch nicht sonderlich helle zu sein, erzählt er seiner Tochter doch von einer Blume, die angeblich Wünsche erfüllt und wundert sicht dann, dass sie aufgebrochen ist, jene zu finden, um wieder gesund zu werden. Im Gefahrengebiet des Tempels angekommen muss Nier erneut einen Pakt mit einem Buch, Grimoire Weiss, eingehen, um seine Tochter zu retten. Alle versiegelten Verse vom Grimoire Weiss zu finden könnte dabei die Rettung seiner Tochter bedeuten, also macht sich Nier auf die Reise.

Die Geschichte von Nier ist eigentlich sehr interessant, wird aber durch die eigene Schwammigkeit und dem langsamen Pacing etwas untergraben. Die erste Hälfte des Spieles besteht daraus, die verschiedenen Verse zu sammeln, ohne dass die Haupthandlung sich viel vorwärts bewegen würde. Am Ende dieses und Beginn des zweiten Teiles, der 5 Jahre in die Zukunft hüpft, scheint es nun endlich groß los zu gehen. Doch auch dann müssen erst Mal Artefakte gesammelt werden, zudem aus Lokalitäten, die schon in der ersten Hälfte betreten wurden, bevor es erst im Finale so richtig losgeht. Dafür sind die Nebenhandlungen und Charaktere, die auf den Reisen getroffen werden, nicht uninteressant und die Teammitglieder schon mal gar nicht. Wenn sich Nier eines rühmen kann, dann das ähnlich Drakengard JRPG-Klischees zum Großteil umschifft werden und es so wesentlich frischer und interessanter daher kommt. Das Zusammenspiel der Charaktere untereinander ist auch superb. Wenn beispielsweise der Tod eines Nebencharakters in der zweiten Hälfte des Spieles, weil sie mir über die kurze Zeit mit ihr in der ersten und zweiten Hälfte doch ans Herz gewachsen ist, nahe geht, bedeutet das schon was. Überhaupt muss sich der geneigte Spieler darauf einstellen, dass in Nier wenig bis gar nichts gut ausgeht. Selbst die 4 verschiedenen Enden, die erlangt werden können, sind alle keine kompletten Happy Ends. Auch wenn das nicht immer sofort ersichtlich ist, da es dem Spiel wie gesagt teilweise gut geraten wäre, wenn es nicht ganz so schwammig wäre. Genau wie viele Storyerklärungen sehr kurz und kurz vorm Finale des Spieles gehalten werden.

Apropos verschiedene Enden: Die werden über die New Game + erlangt. Das Spiel muss so zwar mehrmals durchgespielt werden, allerdings setzt die NG+ Nier und Gefährten direkt in die zweite Hälfte des Spieles, die ganze erste, in der ja jetzt nicht wirklich so viel passiert ist, muss also nicht erneut gespielt werden. Level und Ausrüstung bleibt erhalten, und so dauert ein direkter Gang zum nächsten Ende auch nur wenige weitere Spielstunden. Das ganz Besondere ist allerdings, dass ab dem zweiten Durchgang weitere kleine Szenen eingefügt werden, die die Seite der Shades aufzeigen und ihre Töne untertiteln. Es sei nur mal gesagt, dass sie einem, sobald man ihr wahres Ich sieht, geradezu Leid tun können. Letztendlich fühlen sich beide Seiten im Recht und können einfach nicht miteinander koexistieren. Eine reine Gut vs. Böse Malerei… so einfach macht es einem Nier nicht. Während ich nach dem ersten Durchgang noch dachte „Interessantes Spiel, aber etwas arg vage in der Handlung“ wandelte sich das nach den neuen Erkenntnissen ab dem zweiten Durchgang in ein „Genial gemacht“. Also auf jeden Fall mindestens ein zweites Mal spielen.

Spielerisch kann Nier zu Gute gehalten werden, dass es zumindest keine Langeweile aufkommen lässt. Die Drakengards waren sehr linear und lockerten ihr Dynasty-Warrior-esques Hordenschnetzeln nur mit einigen Flugeinlagen auf den Drachen auf. Nier bietet hier wesentlich mehr. Das Kampfsystem ist auch grundsätzlich erst mal ein Hack’n Slay, nur ohne die Horden, sondern mit überschaubareren Gegneraufkommen. Erneut gibt es mehrere Waffenarten zur Auswahl: Breitschwerter schlagen hart zu sind aber langsam, Einhänder sind schnell aber kurz und schwächer, Lanzen hingegen sind schnell und stark gehen dafür aber stark nach vorn ab statt die Seiten mit zu bedienen. Magie gibt es auch, die allerdings häufig Projektilattacken hervorruft. Gerade bei Bossen, die ebenfalls Magie können, kann die Sache plötzlich doch sehr schnell gen Bullet Hell gehen. Sidescrolling-Einlagen gibt es auch, ein schwarz-weiß Dungeon mit vorgegebenen Kamerawinkeln a la Resident Evil, ein Puzzel-Dungeon das an Zelda erinnert, und dann natürlich der Part wo das Spiel zu einem Textadventure light wird. Dazu noch jede Menge Erntepunkte in der Welt und das Sammeln diverser Rohmaterialien, um die Waffen aufzurüsten und jede Menge Fetch Quests, die für die Dorfbevölkerung erledigt werden können. Ein vom Spiel hundsmiserabel erklärtes Angeln gibt es sogar auch noch, und im Vorgarten seines Hauses kann Nier diverse Feldfrüchte anbauen. Nein, in Nier wird sich eher nicht gelangweilt werden, denn es wirft einem alles entgegen, was es unterbringen konnte.

Was der Sache im Gegenzug dafür fehlt, ist der Feinschliff in vielen dieser Elemente. Besonders vermissen tat ich eine bessere Kontrolle der Kamera. Zunächst einmal ist sie komplett statisch und muss also für jede Bewegung manuell justiert werden. Das kann in den vielen Optionen immerhin hoch gestellt werden. Aber selbst auf höchster Geschwindigkeit hatte ich nicht den Eindruck, dass die Kamera Nier sonderlich schnell folgt. Zumindest wenn viel hin und her ausgewichen wird oder ich einen Boss umkreiste, war ständiges Kamera-Nachjustiern angesagt. Da hätte durchaus auch eine Lock-on-Funktion schon geholfen, mit der Nier aber leider nicht aufwartet.

Womit Nier dafür aufwartet, ist viel Liebe zum Detail. Die Hintergrundmusik im Heimatdorf ist beispielsweise ein Instumental Stück, in das sich plötzlich Gesang mischt, wenn die Dorfsängerin in der Nähe ist. Ladebildschirme geben Auszüge aus Yonahs Tagebuch, die alle davon geprägt sind, wie allein aber dennoch optimistisch sie ist, weil ihr Vater so viel auf Reisen ist, um sie durch zu bringen. Die Kleine wächst einem richtig ans Herz, obwohl sie selten zu sehen ist. Nier und Gefährten haben viele kleine, unwichtige, aber amüsante Nebengespräche auf ihren Wanderungen, die während des Spielens eingespielt werden. Gerade Grimoire Weiss erinnerte mich da sehr an die Drachen aus Drakengard, die ebenfalls immer einen zynischen Kommentar aus dem Off parat hatten. In Nier stecken Herz und Seele, und das merkt man auf Schritt und Tritt.

Technisch ist Nier nun nicht gerade ein Meisterwerk, sieht das Spiel doch aus, als wäre es für die PS2 in Entwicklung gewesen und dann schnell auf die PS3 hoch gemotzt. Auch Diversität in den Shades hält sich lange zurück. Dies macht das Spiel allerdings etwas mit einem sehr interessanten Design wett, leider nicht bei den Charakteren, doch bei der sie umgebenden Welt und den Bossen. Die englische Sprachausgabe ist hingegen gut gelungen. Und die Musik. Oh Gott, die Musik! Nier hat einen der besten Soundtracks seit langem. Es gibt nicht ein Stück, bei dem ich nicht kurz im Spielen innegehalten hätte, sobald es neu war. Außerdem ist interessant, dass benachbarte Gebiete häufig ähnlich konstruierte Tracks haben, sozusagen die verschiedenen Stücke ineinander fließen. Gibt ein sehr homogenes, aber nicht langweiliges, Bild ab.

Fazit:
In Nier habe ich mich schon etwas verliebt, gerade nach dem zweiten Durchgang. Was es an spielerischem Feinschliff mangeln lässt und auch in der Handlung manchmal etwas zu vage sein mag, macht es mit einem interessanten Design, hervorragenden Charakteren, durchaus nicht schlechten Geschichte und vor allem vielen Details wett, die einem wirklich veranschaulichen, dass hier Herz und Seele drin stecken, Schwächen hin oder her. Als gesamtes Spielerlebnis gesehen ist Nier einfach so viel mehr als die Summe seiner Teile.

8 von 10 Punkten

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