Mother

  • Plattform: GameBoy Advance
  • Release: 20.06.2003 (J)

Shigesato Itoi ist ein Alleskönner. Er schreibt, er ist Synchronsprecher, er ist Jury in Fernsehshows, er updatet seine Homepage seit über 10 Jahren quasi täglich und nebenbei hat er Japan noch eine der meistgeliebten Serien geschenkt, beginnend auf dem NES mit Mother. Die USA hätte es, wie immer damals Jahre später erst, auch bekommen sollen, ja der Prototyp von EarthBound war sogar komplett übersetzt, cancelte das Spiel dann allerdings doch, weil das SNES in den Startlöchern stand und sich Dragon Warrior und Final Fantasy auch nicht als so lukrativ herausstellten, wie erhofft. In modernen Zeiten des Internets, kann man den natürlich dennoch überall finden – aber alternativ auch eine Fan übersetzte Version vom Port für den GBA.

Die Geschichte startet bereits Anfang 1900, als ein Ehepaar spurlos verschwand und nur er später wieder auftauchte, nie jemandem sagend, wo seine Frau abgeblieben ist, oder was passiert war. Die eigentliche Handlung von Mother spielt allerdings 1988, dem damaligen Hier und Jetzt, mit dem kleinen Jungen Ninten, der zunächst die Poltergeist-Probleme im eigenen zu Hause lösen muss und dann auszieht, der Welt zu helfen. Von Zombie-Apokalypse, zu durchgedrehten Zootieren ist da alles dabei, ausgelöst von einer fremden Macht, die zu besiegen acht Melodien gefunden gehören.

Die Grundstruktur des auserwählten Jünglings, der in die weite Welt zieht, sich Kammeraden schnappt und dann die nötigen Mittel sucht, um den großen Bösewicht hinter allem Übel in die Knie zu zwingen, steht also auch in Mother. Damit hört aber das JRPG-Altbewährte hier auf, denn das Setting von Mother dreht es zu einem ganz anderen Ding. Eben weil es in der Moderne spielt, jedoch noch nicht mal wirklich in der echten, sondern eine verklärt-verkitschte Ansicht Amerikas, im Stile von Cartoons wie Charlie Brown.

Magien nennen sich hier also PSI-Kräfte; Gegner sind schräge Hippies, verwilderte Hunde, fliegende Untertassen oder beschränkte Hinterwäldler; geheilt wird in einer Klinik; Statusveränderungen sind Erkältungen und Ähnliches; es gibt Supermärkte und Fast-Food-Läden; gekämpft wird mit Baseballschlägern; gespeichert mit einem Anruf beim Vater. Mother ist vom üblichen Fantasy-Einheitsbrei weit entfernt, und das bereits zu 8bit-Zeiten!

Zumindest in Setting und Atmosphäre, denn was das Gameplay angeht, hat man sich weitestgehend damit begnügt, und das ist typisch NES-RPG, von Dragon Quest zu nehmen. Hohes Aufkommen von Zufallsbegegnungen; verschachtelte Menüs; regelmäßiges Grinding, das die Spielzeit aufpumpt; stark begrenztes Inventar; Erfahren von nötigen Erfahrungspunkten zum nächsten Level nicht im Menü, sondern nur in den Städten; kein Game Over, sondern das Zurücksetzen zur letzten Stadt mit vermindertem Geld. Ja, wer ein Dragon Quest gespielt hat, der wird sich gleich in der archaischen Struktur von Mother zurechtfinden.

Das ist heutzutage durchaus ein Nachteil. Sicherlich ist es etwas merkwürdig, einem 8bit-RPG vorzuwerfen, wie ein 8bit-RPG zu funktionieren, aber unterm Strich nervt das benutzerunfreundliche Handling eben einfach mittlerweile schon. So schön spielt sich Mother schlichtweg nicht mehr. Die GBA-Version ist da ein Port, kein Remake, verbessert also nicht wirklich etwas, abgesehen davon, dass die Schultertasten nun ein Dash-Button respektive Kontext sensitiv sind (es muss also vor NPCs nicht erst das Menü geöffnet und TALK, vor Schatzkisten SEARCH ausgewählt werden). Allerdings haben die Fanübersetzer noch etwas hinzugetan, was sicherlich schon schön gewesen wäre, wenn Nintendo daran gedacht hätte: Ein Easy Ring. Ihn ausgerüstet vermindern sich die Zufallsbegegnungen (angeblich zumindest, die Dinger sind immer noch wesentlich zahlreicher, als einem lieb ist), die Kämpfe werden einfacher und vor allem auch ertragreicher, was den Grind bis kurz vorm Finale minimalisiert. Puristen können ihn einfach links liegen lassen, doch nun die Option zu haben ist nett.

Denn Mother lebt eben hauptsächlich durch sein Setting und seine Atmosphäre, den Charme und die Liebe zum Detail, die aus Welt und Charakteren tropfen, die Andersartigkeit und sogar leichten philosophischen Untertöne, die sich nie aufdrängen. Es lebt nicht durch sein 8bit-Gameplay, das veraltet ist und Nerv tötend werden kann.

Zur Atmosphäre trägt natürlich auch die Optik bei, teilweise zumindest. Alles ist in einem sehr minimalistischen Stil gehalten, der wie erwähnt irgendwie an die Peanuts erinnert und gut in die Restriktionen des NES passt. Abgesehen von meinem einen Kritikpunkt, dass die Farben häufig etwas zu öde scheinen. Das Aufhellen der GBA-Version, wodurch sie noch ausgewaschener wirken, hilft da nicht gerade. Auch die Musik zeigt viel Diversität und kann zwischen schräg, melodisch und unheimlich gut wechseln, je nachdem, in welcher Situation man sich befindet.

Fazit:
Die Mohter-Reihe nicht mögen darf man eigentlich fast gar nicht. Allerdings bezieht sich das häufig auf die beiden folgenden Teile, vom Erstling waren dann nämlich all jene, die übers SNES Earthbound zur Serie kamen (also 90% der Spieler) etwas arg geschockt, da 8bit-RPGs heutzutage spielerisch rückwirkend natürlich arg anstrengend sein können. GBA Mother macht da inoffiziell mit dem Easy Ring das Ding etwas erträglicher, aber man kann sich dennoch dem Gefühl nicht ganz erwehren, dass das schnöde Gameplay die quirlige und besondere Atmosphäre des Spiels zurückhält.

6 von 10 Punkten

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