Heavy Rain

  • Plattform: PlayStation 3
  • Release: 18.02.10 (J), 23.02.10 (US), 26.02.10 (EU)

Tja, nach Fahrenheit stellten die Leute von Quantic Dream sicher, dass ihr nächster interaktiver Film umso realistischer wird, in dem sie einen Exklusivvertrag mit Sony und deren neuer High-End-Konsole eingingen. Gelernt aus den weniger erfolgreichen Elementen des Vorgängers wurde der Sanity-Meter fallengelassen und auch die Handlung diesmal wesentlich kohärenter und bodenständiger gehalten.

Ethan Mars ist vom Pech verfolgt. Er hatte alles: Frau, zwei Jungs, Erfolg als Architekt und ein entsprechend tolles Haus. Dann rannte einer seiner Söhne beim Einkaufen über die Straße und wurde überfahren. Seither leben er und seine Frau getrennt. Und nun ist auch noch sein anderer Sohn verschwunden, als er auf ihn aufpassen sollte. Den Titel als „Bester Vater der Welt“ kann er also mal knicken. Aber es kommt noch schlimmer, ist der Entführer doch der Origami-Killer, der kleine Jungs zur Zeit von hohen Niederschlägen einsperrt und dann über die nächsten Tage den Regen dazu nutzt, sie zu ertränken. Ethan bleibt nur, sich auf das seltsame Spiel des Killers, der ihm Herausforderungen zukommen lässt, einzulassen, wenn er seinen Sohn retten will, bevor dieser stirbt.

Erneut spielen wir übrigens abwechselnd mit mehreren Charakteren das Spiel, nicht nur Ethan. Da wäre noch ein FBI-Agent, der die Mordserie untersucht; ein Privatdetektiv, der von den Eltern früherer Opfer des Killers angeheuert wurde; und eine Journalistin, die da eher durch Zufall mit reinrutscht und Ethan unterstützen will.

Und so bewegen wir uns durch die Seiten der Handlung von Heavy Rain, wie durch Szenen von einer TV-Miniserie. Einer verdammt spannenden noch dazu. Wie schon in Fahrenheit beschränkt sich die Interaktion hier nämlich häufig nur darauf, etwas durch die Gegen zu traben, bis eine neue Szene getriggert wird und in jener nun unter Zeitdruck die verschiedenen Knöpfe und Richtungstasten der Quick Time Events zu betätigen. Von Drücken, zu Halten, zu Hämmern ist hier alles dabei, aber natürlich gibt es nur so viel Abwechslung, die man in ein „Spiel“, das hauptsächlich aus QTEs besteht, reinbringen kann. Ein wenig an das an Tank Controls angelehnte Bewegungsschema muss sich zudem zunächst gewöhnt werden, bevor man nicht mehr kreuz und quer ohne Ziel durch die Räume spaßtet.

Jedoch ist das sowieso recht irrelevant, Heavy Rain sollte man nicht so sehr als Spiel sehen, sondern eben als interaktiven Film, in dem die richtigen Knöpfe gedrückt werden müssen, um sich die nächste Szene zu verdienen. Den Zuschauer eingreifen zu lassen, ist hier nur ein besseres Mittel, um ihn automatisch mehr ins Geschehen investiert zu haben. Um die Sache interessanter zu machen, führt nicht jedes Vermasseln der Sequenzen zu einem Game Over und Neuversuch, sondern kann sich darauf basierend tatsächlich die Geschichte ändern. Schafft Ethan eine Prüfung nicht, geht es ohne den Hinweis, den er als Belohnung bekommen hätte, weiter und wird es entsprechend gegen Ende schwerer, den Aufenthaltsort des Sohnes auszufiltern. Stirbt die Reporterin, kann sie ihm nicht helfen, jene Möglichkeiten einzudämmen. Im Gegensatz zu Fahrenheit gibt es also in Heavy Rain tatsächlich mehrere Variablen der Handlung, die stattfinden können. Das Sehen jener und der verschiedenen Enden erhöht dabei natürlich den Wiederspielwert der Angelegenheit, die man sich sonst einmalig „ansehen“ und dann nie wieder in die PS3 stecken würde.

Was die Sache leider etwas ankratzt, sind diverse Logiklücken und enorme Zufälle, die Heavy Rain einem darbietet und erwartet, sie einfach zu übersehen, damit die Handlung voranschreiten kann. Ethans Kind ist eigentlich viel zu alt, um dumm genug zu sein, in einem belebten Einkaufsviertel auf eine stark befahrene Straße zu springen, ohne aufzupassen. Ethan schmeißt sich schützend zwischen ihn und das Auto aber irgendwie schafft der Junge es dennoch zu sterben. Bereits wenige Stunden, nachdem der Privatdetektiv den Besitzer eines Geschäfts tot aufgefunden hat, hat die Polizei ihn geschnappt. Bei all den Fingerabdrücken im Geschäft, wie haben die den so schnell rausgefiltert, entschlossen er gehört zu den Hauptverdächtigen und ihn auch noch ausfindig gemacht? Warum ist die Reporterin allen logischen Zeichen zum Trotz so darauf eingeschossen, Ethan sei unschuldig? Heavy Rain hat leider mehrere Lücken, die man einfach gutwillig übergehen muss, wenn man die Sache genießen will, statt sich an ihnen dauerhaft aufzuhängen. Sicherlich, jene mögen in Filmen durchaus nicht ganz ungewohnt sein, doch bei Heavy Rain ist die eine oder andere doch etwas arg groß und hätte häufig auch einfach ausgebessert werden können.

Die super spannende Handlung wird unterstützt durch professionelle und absolut Lippensynchrone Sprachausgabe (zumindest im Englischen, in dem ich es gespielt habe), sowie einen Filmreifen OST und Grafik, die das Geschehen sehr lebensecht gestaltet und nur selten leichte Anflüge vom Uncanny Valley heraufbeschwört. Die Präsentation unterstützt das „Spiel“-Erlebnis also voll.

Kleine Anmerkung übrigens zum DLC „The Taxidermist“, die der „Move Edition“ des Spieles bereits beigelegt ist (welche übrigens natürlich auch auf normale Weise spielbar bleibt): Nicht der Rede wert. Das „QTE-Drücken, um einen Film voranzubringen“-Konzept funktioniert nur bei einem längeren Ding von 8 Stunden wie dem Hauptspiel, lässt so eine halbstündige Episode hingegen bestechend leer und langweilig erscheinen.

Fazit:
Wer von Heavy Rain ein Spiel erwartet, ist auf dem falschen Dampfer. Wer einen echt spannenden, interaktiven Thriller erleben will, der ist hier schon richtiger. Leider muss etwas mehr guter Wille für einige Szenen aufgebracht werden, als der eine oder andere bereit ist, aufzubringen. Doch wer ein oder zwei Augen ob der Logiksprünge hier und dort zudrücken kann, der wird tatsächlich mit einem filmreifen Erlebnis belohnt, das einen an den Controller fesselt.

8 von 10 Punkten

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