Ar tonelico Qoga: Knell of Ar Ciel

  • Plattform: PlayStation 3
  • Release: 28.01.10 (J), 15.03.11 (US), 01.04.11 (EU)

Nach zwei Einträgen auf der PS2 hievte Gust die Ar-tonelico-Serie also endlich auf die nächste Generation der PS3 und somit in ungewohntes 3D. Doch dies ist nicht alles, so wurde bekannt, das Ar tonelico III (so der etwas Aussprachfreundlichere japanische Titel) das Ende der Trilogie sein wird, weil der Macher sich lieber auf Ciel no Surge, einem virtuellen Handheld-Girfriend konzentrieren wollte, was nach Sichtung von Ar tonelico Qoga alles andere als überrascht.

Aoto ist ein ganz normaler Teenager, der in einem unbedeutenden Kaff an Arsch der Welt lebt. Wobei die Welt an sich überschaubar ist, ging der Planet doch vor Ewigkeiten zu Grunde, so dass die letzten Überlebenden sich eine neue Heimat auf den drei Türmen errichtet haben. Und wie das mit unbedarften Teenagern mit herausstechendem Charakterdesign so ist, wird Aoto schnell in ein größeres Drama gezogen, nachdem ihm eine Reyvateil in den Schoß fällt, die von einem Mannsweib gejagt wird.

Die grundlegende Handlungs-Struktur bei den Ar tonelicos ist bekanntlich nicht sehr unterschiedlich und so geht es auch im dritten Spiel um einen jungen Kerl, dem zwei Reyvateils ins Leben kommen, was dazu führt, dass er letztendlich die Welt mit ihrer Hilfe retten muss. Qoga greift die Plotpoints der ausgenutzten Reyvateils vs. Menschheit, sowie die Revitalisierung des Planetens wieder auf, und bringt die Saga doch zu einem runden Abschluss, inklusive vieler Cameos aus den Vorgängern. Wenn man denn das True End bekommt, bedeutet das, wie üblich bleibt die große Handlung im Hintergrund (wenn auch weitestgehend vorhersehbar) unerklärt, sofern man nicht jenes, sondern eines der vorzeigen Enden bekommt.

Originalität war es jedoch nie gerade, wodurch sich Ar tonelico auszeichnete, sondern die Handelsübliche Handlung und Charaktere mit dem richtigen Charme auszustatten. Geholfen wird dem durch das Diving in die Reyvateils, in denen ihre versteckten Persönlichkeitsmerkmale und –abgründe erforscht wurden, und die den ansonsten leicht als Fanservice abzustempelnden Mädels mehr Dimension gaben.

Qoga hingegen schießt komplett über das Ziel hinaus, wenn es darum geht, jemandem „Persönlichkeit“ zu geben. Es ist quasi unmöglich, je eine Handlungswendung oder einen Charakter für voll zu nehmen, selbst wenn das Spiel sich tatsächlich mal zu einer ernsten Szene hinreißen lässt, weil es so vollgestopft ist mit unkomfortablem Fanservice und unwitzigem Humor, in seinen tausenden an textreichen Szenen, die zu nichts von Gehalt führen, dass das Hirn irgendwann in einer Schutzreaktion komplett abschaltet. 30 Minuten im Spiel ist jenes davon ausgegangen, dass eine Frau, die wie ein Kerl gebaut ist, witzig genug ist, um sie zum Running Gag zu machen; haben wir ein 15-jähriges Mädel auf die Unterwäsche ausgezogen bekommen, alles natürlich in Magical-Girl-esquer Sequenz, um sie von jedem Winkel aus beschauen zu können; und hat jenes Mädel die Opposition aufgehalten, in dem sie jene in Kuchen verwandelt hat, während der Soundtrack im Hintergrund miaut. Eine ganze Dive-Cosmosphere von Finell besteht daraus, dass sie ein Klo vollgeschissen hat und Aoto sie retten muss, ohne dem Gestank zu nahe zu kommen. Das ist das Niveau, auf dem sich Ar tonelico Qoga befindet. Nicht vereinzelt aus Comic Relief oder Fanservice wie in den Vorgängern, nein das Spiel ist fast konstant in diesem Modus. Jeder Charakter ist ein Stereotyp, dem man schon am Design ansehen kann, ob er/sie das Spiel mit unkomischen Slapstick oder minderjährigem Fanservice bereichern wird.

Die Sache wird zugegeben etwas besser, wenn das True End erreicht wird, da Phase 4 doch so damit beschäftigt ist, alle losen Handlungsfäden zusammenzubinden und man endlich in die tiefsten Level der Cosmosphäre eintaucht, so dass dies etwas zurückgeschraubt werden muss, aber ein Spiel, das nach 20 Stunden leicht besser wird, nachdem es vorher fast unerträglich war… das ist ein schlechtes Verkaufsargument. Zumal sich die Frage stellt, ob es wirklich besser geworden ist, oder nach all der Spielzeit einfach Stockholm-Syndrom einsetzt.

Was läuft aber denn nun, wenn man nicht in endlosem Text zu lesen bekommt, wie unglaublich witzig es doch ist, dass alle das Mannsweib „Butch“ nennen, oder wie unglaublich niedlich es doch ist, dass Saki redet, als wäre sie als Kind ein paar Mal zu häufig fallengelassen worden? Man läuft durch Dungeons und bekämpft Gegner, wie das in RPGs eben nun Mal so läuft. Dabei ist zunächst auffällig, dass Gust nie sonderlich gut war, was Dungeon Design angeht, und immer noch nicht viel besser geworden sind. Dungeons in deren Spielen sind meist eine uninspirierte Aneinanderreihung von Rechtecken, im Spielverlauf wird der Spieler gut drei bis fünf Mal durch jedes geschleust und die Möglichkeit zu Springen ist schonungslos unterrepräsentiert. So auch hier.

Kampfsystem reißt es also raus? Nope. Die Grundlagen der Kämpfe sind in allen drei Spielen dieselben, wenn auch jeweils etwas anders ausgeführt: Die Reyvateils trällern im Hintergrund ihre Song Magic, während die Nahkämpfer im Vordergrund die Gegner beschäftigt halten und die körperlich extrem schwachen Sängerinnen vor deren Angriffen schützen. Gegner haben grundsätzlich so viel HP, dass die normalen Angriffe weniger bringen und es eben jene aufgeladene Song Magic ist, die sie umbringen, wenn die Kämpfe nicht zu ewig langen Affären heranwachsen sollen. Neu in Ar tonelico Qoga ist, dass dies alles in Echtzeit statt Rundenbasiert abläuft, und das in einer kompletten 3D-Arena. Dadurch können Reyvateils nur noch einen Standardzauber sprechen, dafür kann jener mit Buff- und Heil-Nebeneffekten bestückt werden. Unter Kontrolle hat man natürlich nur einen der drei Kämpfercharaktere und sollte nun darauf achten, den Gegner möglichst im Herzschlag-Rhythmus der Reyvateil anzugreifen, damit sie einen Striptease hinlegen kann, um ihre Magie zu verbessern. Das Problem am Geschehen ist, dass sobald mehr Gegnern denn eigene Charaktere im Kampf sind, es teilweise unmöglich werden kann, jene von der Reyvateil fernzuhalten, wenn deren AI sich dazu entscheidet, sich ausschließlich auf jene zu konzentrieren, da man nicht genug Leute hat, um alle beschäftigt zu halten. Und da sich so eine Song Magic erst mal aufladen muss, werden die Kämpfe natürlich im Endgame dennoch ein wenig arg lang.

Gust ist nicht dafür bekannt, AAA-Titel herzustellen, sondern hinken technisch eigentlich immer eine Konsolengeneration hinterher. So auch hier, ist das 3D für Charaktermodelle und Dungeons doch extrem minimalistisch, außerdem häufig nicht in richtigem Verhältnis zueinander oder zum Hintergrund, sowie die Animationen mehr als nur ein wenig befremdlich. Die meisten Nicht-Dungeon-Lokalitäten sind übrigens 2D-Hintergründe und als solche nett hochauflösend, aber sich extrem mit eben jenen 3D-Modellen beißend. Die Animesquenzen sind ganz nett, aber wie immer nicht zahlreich. Außerdem die Anime-Standbilder für die Charaktere in den Gesprächen ansehnlich, und getreu dem „Fanservice all the time“-Motto haben die Mädels diesmal übrigens keine verschiedenen Kostüme, sondern Persönlichkeiten, um von der großbusigen Krankenschwester bis zur Guro-Loli alles abdecken zu können.

Die englische Synchronisation ist wie in allen Titeln von Nippon Ichi eine mittelschwere Katastrophe, dafür geben sie uns aber wie immer dankenswerterweise die Option aufs wesentlich besser klingende Japanisch zu wechseln. Der Soundtrack hat ein paar herausragende Stücke, besonders die Hymnos-Songs, aber auch extrem viel schreckliche BGM zu bieten, die leider wesentlich häufiger eingespielt wird.

Fazit:
Ar tonelico Qoga ist kein gutes Spiel, nein es ist wohl das schlechteste RPG, das ich auf der PS3 zu Gesicht bekommen habe. Es ist dumm, ertränkt die wenig interessanten Punkte in endloser Unkomik und Fanservice, ist ein unglaublicher Fall vom Standard der ganz netten Vorgängern, das man meinen sollte, Gust hätte die Produktion an Compile Heart outsourced. Ar tonelico Qoga ist eines jener Spiele, unter denen häufig der Ratschlag „nur für Fans der Serie“ zu lesen steht. Ich persönlich finde ja, dass Fans der Reihe wesentlich glücklicher sein werden, wenn sie Qoga komplett ignorieren, damit sie Ar tonelico in guter Erinnerung behalten können.

3 von 10 Punkten

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