Ni no Kuni: Wrath of the White Witch

  • Plattform: PlayStation 3
  • Release: 17.11.11 (J), 22.01.13 (US), 01.02.13 (EU)

Level 5 hat sich zum Darling der RPGler entwickelt. Über Dark Cloud und Chronicles zu Rogue Galaxy und letztendlich der Programmierarbeit hinter Dragon Quest VIII/IX, für Handheld-Spieler dann noch die sympathischen Inazuma Eleven und Puzzlesammlung Professor Layton. Da übersieht man ihnen den frühen PS3-Aussetzer White Knight Chronicles doch gerne mal, vor allem wenn sie mit einer Kollaboration mit Studio Ghibli nachlegen.

Oliver lebt in der beschaulichen Ghibli-Welt, in der ewig die 50er-Jahre-Kleinstadt-Idylle zu herrschen scheint. Wie fast alle Jungs sind er und sein bester Freund von Fahr- und Flugzeugen begeistert und haben sogar ihr eigenes Kart gebaut. Dummerweise ertränkt sich Ollie zur Jungfernfahrt fast, kann jedoch von seiner alleinerziehenden Mutter gerettet werden, die jedoch anschließend an der Anime-Krankheit Nummer Uno des nicht genauer spezifizierten „schwachen Herzens“ stirbt. Tränen der Trauer haben allerdings bekanntlich magische Kräfte, und so wird Mr. Drippy, sein schräges Stofftier mit walisischem Akzent, zum Leben erweckt. Zusammen geht es in die magische Anderswelt, wo Ollie durchs Besiegen des Dunklen Dschinns vielleicht auch die Seelenverwandte seiner Mutter treffen und damit auch ihr Gegenstück in der Realität wiederbeleben kann.

Von der Handlung und dem Setting her ist Ni no Kuni herzallerliebst. Auch wenn es sich leider nicht traut, die ganze Fantasywelt nur in Olivers Kopf stattfinden zu lassen, so ist es doch eine Geschichte über die Verarbeitung des Verlustes seiner Mutter, und der guten Message für Kids, dass das Leben eben nicht immer nach dem eigenen Willen laufen kann, und man mit den Rückschlägen zu leben lernen muss. Was Ni no Kuni jedenfalls absolut nicht ist, ist originell, sondern stattdessen hakt es gutmütig so ziemlich alle RPG- und Anime-Klischees ab, die ins Konzept passen. Auf die gleiche Art und Weise, wie das Dragon Quest macht: Mit so viel Charme, dass dies mehr wie Hommages denn Kopieren wirkt. Und auch wenn keine Wendung in der Reise wirklich überraschen sollte, eben alles so sympathisch umgesetzt ist, dass es dennoch enorm gefällig ist. Die Truppe und ihre Odyssee wachsen einem ans Herz, und Stationen wie der feuchte Friedhofstraum eines jungen Tim Burtons oder die schräg-japanische Feenwelt erwecken selbst Nebenhandlungen und -ortschaften zum Leben.

Was vielleicht nicht unbedingt hätte sein müssen, ist die Arc um die titelgebende White Witch. Thematisch passt die der PS3-Version hinzugedichteten Handlung zwar schon, doch sie wirkt etwas überhastet und lässt den Dark Dschinn weniger erfurchtgebietend erscheinen, da er nur in ihrem Auftrag handelt. Wie in der DS-Version nach dem Dark Dschinn zu enden, wäre zumindest der rundere Abschluss gewesen. Und auch so Wortreich hätte das Spiel nicht unbedingt sein müssen, denn es tutorialisiert den Spieler als wäre er ein 5-Jähriger mit Verständnisproblemen, und das teilweise noch ein Dutzend Stunden im Spiel. Nicht zu vergessen, dass so humorig und unterhaltsam die Dialoge sind, wenn sie doch mehrmals den gleichen Punkt wiederkäuen dies etwas langwierig werden kann, und den begriffsstutzigen Ollie weniger wie 13 und mental mehr wie 8 erscheinen lassen.

Ni no Kuni ist übrigens ein Monstersammel-RPG. Jeder Charakter kann zwar auch selbst kämpfen, und gerade zu Anfang ist dies auch noch nötig, damit sie sich regenerieren können, doch kurz nach dem Erhalt des zweiten Teammitglieds können alle (normalen) Gegner des Spieles auch rekrutiert werden, um für sie den Platz in den Auseinandersetzungen einzunehmen. Bis zu drei davon kann jeder Charakter beliebig einwechseln, und sie wollen selbstständig aufgelevelt, ausgerüstet und mit Naschereien auf neue Entwicklungsstufen gebracht werden. Das ist sehr launig, kann aber auch zu einem unebenen Schwierigkeitsgrad führen, da neu gefangen Monster und neue Entwicklungen von vorn gelevelt werden müssen, bevor sie hilfreich werden.

Und apropos unausbalancierter Schwierigkeitsgrad: Ni no Kuni hat für ein Spiel, das sich wohl eher an eine junge Zielgruppe richtet , doch ein paar harte Anstiege in jenem zu bieten. Besonders auffällig ist dies direkt nach dem Erhalt des dritten (und quasi letzten) Mitstreiters, sowie mit ihm auch eines Schiffes. Die Welt öffnet sich, die Gruppe ist gefüllt, und das Spiel kontert dies mit größeren und schwereren Gegnergruppen, für die man sich ziemlich unterlevelt vorkommt. Was wohl auch hochgradig daran liegt, dass die KI im Spiel absolut schrecklich ist und die beiden vom Computer gesteuerten Helfer ihre MP im Nu aufbrauchen und sich nie vor den besonders starken Attacken ducken. Erst einige Spielstunden später wird die bitter nötige Taktik der „All-Out Defense/Attack“ freigeschaltet, mit dem man jene Haltungen für die ganze Gruppe schnell erzwingen kann. Ab da an, sowie mit später besseren Monstern, größeren MP-Pools, und selbst eingestellten Taktiken, gibt sich das etwas, jedoch könnte die KI wirklich besser sein.

Allgemein muss sich an das Kampfsystem sicherlich erst etwas gewöhnt werden. Ni no Kuni trifft die seltsame Entscheidung zwar in Echtzeit abzulaufen, jedoch dennoch Menü-basierend zu sein. Während sich also frei in der Kampfarena bewegt werden kann, muss zum Angreifen, Blocken, Ausweichen, Kontern etc. dennoch zu jenem Befehl im Menü gescrollt werden, statt dies einfacher per Tastendruck ausführen zu können – zumal jene Ausführung dann eben mit Verzögerung geschieht, da sich die KI dafür erst in die richtige Position begibt, was gerade das Kontern und Ausweichen doch erschwert, da sich schlecht abschätzen lässt, wann der richtige Zeitpunkt zum Initiieren ist.

Vielleicht wirken manche Stellen auch deswegen schlagartig schwerer, weil Ni no Kuni eines jener Spiele ist, deren Schwierigkeitsgrad sich an Komplettionisten zu richten scheint. Neben dem Fangen zahlreicher Monster gibt es noch ein Casino, Alchemierezepte, und vor allem Dutzende an Dutzenden an Sidequests für die NPCs zu erledigen. Wer darauf steht, hat also ordentlich im Spiel zu tun, und die zusätzlichen Level schaden sicherlich nicht.

Ni no Kuni sieht wunderschön aus, so dass man sich glatt ein HD-Remaster von Dragon Quest VIII wünscht. Tatsächlich wirkt das bunte und cartoonige Design von Charakteren, Welt und Monster sehr wie eine Heirat aus Dragon Quest und Ghibli, und die aus dem renommierten Animationshaus stammenden Anime-Sequenzen sind sowieso atemberaubend. Selbst der harmonische Soundtrack von Joe Hisashi klingt häufig etwas wie ein weniger generischer Sugiyama! Die in beiden Sprachen professionelle Sprachausgabe lässt wenig zu Wünschen übrig, auch wenn Ollie im Japanischen nicht ganz so weinerlich klingt, und mir auffiel, dass die Lippensynchronität manchmal katastrophal ist und einige sporadisch vertonte Momente etwas merkwürdig abgehackt wirken.

Fazit:
Ni no Kuni strotzt nur so vor Charme und Ambition, was es zu einem launigen und sympathischen Erlebnis macht. Da schaut man gerne etwas großzügiger auf leichte Unebenheiten wie die Difficulty Spikes, horrende KI oder Extrem-Tutorialisierung hinweg, die hier und dort mal eine Kante ins meist tolle Spielerlebnis zu schlagen wissen.

8 von 10 Punkten

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