Baroque

  • Plattform: PS2
  • Release: 28.06.07 (J), 08.04.08 (US), 18.07.08 (EU)

Im neuen Jahrtausend war St!ng mal eine Weile wirklich gut auf, mit vielen SRPGs auf den damaligen Handhelds wurden sie moderat bekannt. Spiele machten sie aber bereits seit dem SNES, darunter auch auf den 32bit Konsolen ein Spiel, welches sich stark von den späteren SRPGs mit Knuddeloptik unterschied: Das düstere Roguelike Baroque. Sicherlich kein Verkaufsschlager, wurde es dennoch später für PS2 und Wii neu aufgelegt, und fand so sogar seinen Weg in westliche Gefilde, wo gute Verkaufszahlen noch unwahrscheinlicher schienen.

Über die Handlung von Baroque kann eigentlich wenig gesagt werden, da der ganze Sinn des Spieles darin besteht, dass Mysterium des Wieso-Weshalb-Warums zu klären. Was ist das hier für eine Welt? Warum ist sie so? Warum ist jeder so seltsam? Was hat es mit dem kryptischen Gebrabbel auf sich? Weshalb geschieht das, was geschieht? Fragen über Fragen, zu denen es teilweise sogar Antworten zu finden gibt, auch wenn dies zunächst gar nicht so erscheint, denn Baroque schmeißt seine Spieler in die Welt, ohne etwas zu erklären, weder spielerisch noch narrativ, und von nun an muss jegliches Wissen hart selbst erarbeitet werden.

Darauf bereitet einen die erste Spielstunde direkt vor. Als stummer Protagonist wird der Spieler in eine apokalyptische Ruinenwelt gestellt. Schräge NPCs, wie ein imposanter Engel mit Schwert, gehörntes Mädel, halb versteinerter Sarg-Mann, in einem Kartoffelsack aufgehängtes Mädchen, oder mit einer Wirbelsäule wie ein Tausendfüßler aussehender Longneck, stehen hier rum, erklären die Situation allerdings nicht, scheinen den Protagonisten jedoch nicht sonderlich zu mögen. Bleibt also nur der Weg in den nahen Neuro Tower, vor dem ein weiteren Engel eine Angelic Rifle überreicht und meint, man wüsste schon, was zu tun ist, obwohl noch absolut das Gegenteil der Fall ist.

In den vier Stockwerken des Turmes geistern Gegner rum, die wie prähistorische Fische, fette Frauen in Bondage, oder Schildkrötenmenschen aussehen. Außerdem gibt es zwei Mädels als NPCs, eine hat Angst vor einem, die andere beschuldigt uns für welches Desaster hier auch immer geschehen ist verantwortlich zu sein. Auf dem letzten Stockwerk gibt es einen Warp, der zu einer weißen Lichtgestalt führt, welche vom Spiel als Absoluter Gott identifiziert wird, mit der einzigen Option, sie mit der Engelsknarre zu erschießen. Die Welt erlischt, der Protagonist erwacht erneut in der Wüste vor dem Turm, der diesmal allerdings mehr Stockwerke aufweist.

Nein, Baroque lässt sich nicht dazu herab, dem Spieler das Geschehen einfach zu erklären. Die einzelnen Puzzlestücke müssen sich über wiederholte Turmbesuche durch die Konversationen mit den NPCs, den Flashbacks in den Orbs, und dem Auslesen der Kristalle verstorbener Charaktere hart erarbeitet und dann selbst zum richtigen Gesamtbild zusammengefügt werden. Was sicherlich einfacher wäre, wenn Baroque zumindest erklären würde, wie man an neue Informationen zu kommen hat. Was aber das nächste Event, den nächsten Turmausbau, die nächste Konversation mit einem NPC triggert, ist in Baroque teilweise so obtus, dass es zu traumatischen Erinnerungen an Sierra-Adventures aus den 80ern kommen kann. Die Rätsel hinter Baroque zu erhellen kann spannender sein als ein Krimi, aber eben auch frustrierend wie einen Felsen den Berg hochrollen zu wollen, je nachdem wie gut die Hinweise herein plätschern.

Und das Spiel hinter der Handlung? Ein Roguelike halt. Sprich ebenfalls ziemlich fies und ohne Erbarmen, wobei die Remakes schon einige benutzerfreundliche Zugeständnisse machen. Wie beispielsweise in der dritten Person spielen zu können, somit mehr Umgebungswahrnehmung zu haben gegenüber der Egoperspektive. Oder schlichtweg nach jedem Stockwerk fest speichern zu dürfen, wenn also alles schief läuft nicht die ganze aktuelle Dungeon-Session zu verlieren. Selbst Schwierigkeitsgrade stehen zur Auswahl, notfalls kann also auch immer noch auf Easy umgestellt werden.

Dennoch muss für Baroque ordentlich Sitzfleisch mitgebracht werden. Als Roguelike ist das Dungeon bei jedem Betreten neu randomisiert zusammengesetzt, somit ist nie klar, was der effizienteste Weg hindurch ist. Und ob nun leichtere Layouts und gute Gegenstands-Spawns gewürfelt wurden, ist eben vom Glück abhängig. Nach jedem Tod im Turm oder Erreichen der untersten Ebene – die einzigen zwei Möglichkeiten, aus jenem zu entfliehen – wird das Inventar gelöscht und der Charakter auf Level 1 zurückgestellt, jegliche Statusaufwertungen, Ausrüstung, und Heilgegenstände sind davon abhängig, was im nächsten Turmbesuch gefunden und wie eingesetzt wird. Mit der Ausnahme weniger Möglichkeiten einige Gegenstände an den Collector in der Ruine vorm Turm zu schicken, welche dann beim nächsten Besuch zur Verfügung stehen. Dazu gefährliche Gegner, die sich hier übrigens in Echtzeit bewegen, also kein langsam-methodischen Fortgehen möglich ist, auch dank der beständig sinkenden Vitalität des Charakters, und die mit Fallen ausgestatteten Stockwerke und fiese Statusveränderungen, und so ein Turmbesuch kann doch ganz schön ins Schwitzen bringen. Atmosphäre ist also auf jeden Fall gegeben, dafür aber hoffentlich auch Geduld. Denn wenn der Turm bis zu 40 Stockwerke annehmen kann, dauert so ein Durchgang auch schon einige Stunden. Wenn dann zusätzlich noch so unklar ist, was zu tun oder zu finden ist, um die Handlung voranzutreiben oder den nächsten Turmausbau zu starten, kann das wiederholte Verlieskriechen schlichtweg auch enorm repetitiv werden.

Viel aufs Auge bekommt der Spieler dabei nämlich auch nicht. Baroque ist low budget, und dies sieht man dem Spiel auch an. Wobei die ausgewaschene, neblige Welt mit den kruden Modellen für Charaktere und Monster immerhin noch der Atmosphäre zu Gute kommt. Nur macht es das Baukasten-Dungeon nicht interessanter anzuschauen, wenn alles grau-braun-rostrote Stahlbauten verschiedener Machart sind, die dann durch die Zufallsgeneration eben auch die gleichen Schachtelräume und Schlauchgänge bilden. Dafür gibt es dann wiederum überraschen viel Liebe zum Detail, denn die Ausrüstung ist als Outfit am Charakter zu erkennen, während dessen Herzschlag auch deutlich lauter wird, sollten sich seine HP gen 0 neigen. Die Soundkulisse ist dazu passend, mit Ambient-Geräuschen der Gegner zum metallisch-militärischen Soundtrack, und zur Welt passendem gestelzt-luftigem Voice Acting.

Fazit:
Baroque ist eines jener Spiele, welches super interessant, aber schlichtweg nicht wirklich viel Spaß zu spielen ist. Die Atmosphäre ist top, und auch das Mysterium interessant, doch die Problemlösung zu obskur, und dadurch der hapernde Spielverlauf häufig einfach nur repetitiv bis frustrierend. Wie sehr man mit dem Spiel klar kommt, liegt also maßgeblich an der eigenen Einstellung zu jener Herangehensweise, und dem Glück wie schnell die Rätselauflösung persönlich flutscht, bzw. wie lang die Faszination dennoch anhält.

6 von 10 Punkten

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