Legacy of Kain: Soul Reaver

  • Plattform: PC
  • Release: 08.09.99 (US), 1999 (EU)

Mit Soul Reaver ging Legacy of Kain also in die Verlängerung, wurde offiziell zur Franchise, und machte sogar seinen Sprung in 3D. Außerdem wurde die zweifelhafte Tradition gestartet, die Spiele auf Cliffhanger enden zu lassen, hier noch rein aus der Not zum Abgabetermin geboren.

Wir setzen am Bad End von Blood Omen an: Der vampirifizierte Kain hat sich nicht dazu entschlossen die Säulen Nosgoths ins Gleichgewicht zu bringen, und sich dabei selbst zu opfern, sondern regiert als Obervampir lieber über Klans seiner frisch gemachten Untervampire. Die werden von seinen Vasallen auf Spur gehalten, die alle ihrem tyrannischen Anführer nacheifern. Bis zu dem Tag, an dem sein Liebling Raziel den Fehler beging an ihm vorbeizuziehen, in dem er noch vor Kain Flügel entwickelte. Jener lässt Raziel Kurzerhand in den See der Toten werfen, der Raziels Körper zerstört.

Das wäre natürlich ein reichlich kurzes Spiel, den Protagonisten bereits in der ersten Cutscene zu töten, und entsprechend erwacht er doch wieder. Denn der Alten-Gott ist gar nicht so erfreut, dass Kain so viele Vampire gezeugt hat, die das Gleichgewicht aus Tod und Wiedergeburt außer Kraft setzen. Also hat er Raziel als seinen Zombie-Champion im Kampf gegen Kain auferstehen lassen.

Das Sahnestück an Soul Reaver ist also ganz wie in Blood Omen erneut die interessante Geschichte, die sich nicht so einfach auf Gut-Böse-Malerei einlässt. Ja als Spieler wird einem nie wirklich gesagt, wer überhaupt im Recht ist oder ob Raziel überhaupt auf der richtigen Seite steht. Ist Kain wirklich ein Schurke? Oder wird er nur von Moebius Visionen genau auf jenen Pfad gelenkt, den er geht? Kann das Schicksal überhaupt bekämpft werden? Oder ist jenes Ankämpfen genau das, was es letztendlich wahr werden lässt? Sollte Raziel wirklich einfach ohne Hinterfragung dem Plan des Alten-Gottes zuspielen, nur weil die Rache ihn blendet? Beantwortet wird dies wie gesagt schon alleine durch den Cliffhanger nicht.

Jedoch lässt sich auch so schnell merken, dass jener kein reiner Kunstgriff ist, um den Kauf des Nachfolgers anzureizen, sondern das Spiel tatsächlich schlicht etwas unfertig rausgehauen wurde. Es gibt nie so ganz den Eindruck eines Klimax. Raziel geht – mit viel gut vertonten Kommentaren über das Schicksal der heruntergekommen Welt – durch die einzelnen Gebiete seiner „Brüder“, den restlichen Klan-Vasallen, und besiegt einen nach dem anderen. Jedoch nie alle. Auseinandersetzungen mit Kain gibt es zwei, allerdings keine wirklich befriedigende. Ariel taucht auf, wird jedoch nicht wichtig. Es gibt nie eine letzte, große Auseinandersetzung, oder ein letztes knifflige Areal. Stattdessen fühlt es sich tatsächlich an, als wäre nach Dreiviertel eines Spieles der Schlussstrich gezogen worden.

Interessant ist dabei wieder, dass der Zustand von Raziel im Gameplay verankert ist, ganz wie das Vampir-Dasein Kains im Vorgänger. Raziel ist also eine unsterbliche Seele im Zombie-Körper. Dies bringt positive wie negative Aspekte mit sich. Beispielsweise löst Wasser seine zerbrechliche Substanz sofort auf. Dafür kann er als Geist durch Gitterstäbe gleiten. Und der Spieler wird durch ihn mit unsterblich, denn sollte die Lebensleiste geleert werden, zerfällt erneut lediglich die substanzielle Welt um Raziel, er selbst steht als ruhelose Seele in der Geisterebene. Dort gibt es reichlich Portale zurück ins physische Dasein, und erst wenn er im Geistzustand ebenfalls die Energieleiste eingebüßt hat, verliert der Spieler den momentanen Fortschritt. Nie für lang, denn zu einem Game Over führt dies immer noch nicht, Raziel steht lediglich im Anfangsraum des Spieles, von wo aus ein Portal in die Areale der Welt nie weit entfernt ist.

Die Kämpfe an sich sind also nicht wirklich die Herausforderung in Soul Reaver, auch wenn die vielen vampirischen Gegner nur durch Schwächen wie Wasser, Feuer oder Pfählung endgültig erledigt werden können. Ja den Gegnern auszuweichen, was in vielen Arealen problemlos möglich ist, mag sogar schlicht die besser Wahl sein, um sich unnötige Auseinandersetzungen zu ersparen. Also müssen die Puzzle im Action Adventure hier wichtig sein, oder? Daran gibt es sogar auch einige. Selbst die Bosskämpfe sind eigentlich mehr Rätsel denn Kampf, denn auch die schrecklich mutierten Vasallen haben nur eine vampirische Schwäche, die ihnen schnell ein Ende bereitet, jedoch erst auf sie gerichtet werden muss. Ähnlich Mega Man absorbiert Raziel anschließend sogar ihre Stärken, was ihm beispielsweise Projektilattacken oder Wasserimmunität verabreicht, um anschließend in der Dualität aus Geister- und Realwelt in neue Gebiete zu gelangen.

Dies sind dann auch schon die Highlights an Rätseln im Spiel, Bosskämpfe und Weltendualität. Ein Großteil hingegen machen leider die zwei Schwerverbrecher früher 3D-Spiele aus. Da wären zum Einen die zahlreichen Sprungpassagen unter ungenauer Kameraführung, die so einige unnötige Abstürze mit sich bringen, und besonders in der Versunkenen Abtei nerven, wo ein Sturz schnell die ganze Akrobatik von vorne bedeuten kann. Man mag auch kaum glauben, wie viele Möglichkeiten Soul Reaver findet, um das Drehen, Verschieben und Arrangieren diverse Blöcke einzubinden, wo wir bei Verbrecher Nummer 2 wären. Das ist in der Häufigkeit einfach repetitiv und langweilig, gerade in der Stillen Kathedrale, wo die Schiebepuzzle nicht nur am Zahlreichsten sind, sondern auch noch Gegner Raziel ständig hinein schlagen.

Besonders in der PC-Version sieht das Spiel übrigens vergleichsweise nett aus. Die Architektur der Welt ist halt ziemlich einfach und rechteckig, doch alles schaut immer noch sauber aus, und es ist erkennbar, was was sein soll. An der Vertonung gibt es eh nichts zu meckern, die englische Synchronisation ist super wie gehabt, und auch die Musik passt herrlich zum Geschehen.

Fazit:
Legacy of Kain bleibt sich in Soul Reaver definitiv treu, denn erneut gibt es eine wirklich interessante Handlung, verpackt in einem Action Adventure, das so einige Schrammen mit sich bringt, die allerdings altersbedingt auch nicht gänzlich ungewöhnlich sind.

7 von 10 Punkten

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