Xenoblade Chronicles

  • Plattform: Wii
  • Release: 10.06.10 (J), 06.04.12 (US), 19.08.11 (EU)

Es war nicht immer leicht für Konsolenspieler mit Affinität zu JRPGs in den letzten Jahren, da sich das Genre auf jenen rarer und rarer macht, stattdessen auf Handhelds und Smartphones abwandert. Da ist man schnell begeistert von jedem Brotkrumen, der hingeworfen wird, und wenn Xenoblade Chronicles nicht mal massiver Hype umrankt hat, dann weiß ich auch nicht. Schön fürs Studio Monolith Soft, die nicht immer Glück mit den Absatzzahlen ihrer Spiele hatten.

Xenoblade beginnt mit den beiden göttlichen Riesen Bionis und Mechonis, die im Wasser gegeneinander kämpfen, es mit einem Patt endet. Jene beiden zum Stillstand gekommenen Giganten stellen die bewohnbare Welt des Spieles dar. Beide ihrem Namen Ehre machend: Auf Bionis hat biologisches Leben angefangen, mit Menschen und Ungetieren in tropischen Wäldern etc., während auf dem kargen Mechonis die Maschinen leben. Und das nicht in Frieden, denn die Maschinen kommen zu regelmäßigen Angriffen auf die Menschheit vorbei, die dank des Superschwertes Monado zurückschlagen kann.

Doch jenes Schwert ist etwas knifflig zu führen, denn es akzeptiert nicht einfach jeden als Träger. Der junge Shulk, der es erforscht, ist natürlich direkt der neueste Auserwählte, wie er im aktuellen Angriff auf seine Heimatkolonie feststellen muss. Doch es tauchen neue Gesichtsmechon auf, gegen die das Monado nicht wirkt! Also auf eine Reise über den Körper von Bionis begeben, um eine hehre Truppe anzusammeln, die sich im Kampf gegen die Mechons verbünden, und herausfinden werden, was wirklich Sache ist.

Große Themen in Xenoblade Chronicles sind, wie man es von Tetsuya Takahashi nicht ungewohnt ist, was genau Schicksal und Vorbestimmung bedeuten. Ob Götter allmächtig sind, man sich ihrer Manipulation hingeben muss, ob die Zukunft in Stein gemeißelt ist. Tatsächlich ist es so, dass das Monado Shulk immer wieder Vorahnungen der Zukunft gibt. Das wird sowohl ins Gameplay eingebunden, denn vor einer besonders schweren Gegnerattacke bekommt Shulk so eine Vorahnung, um sich darauf vorbereiten zu können, als das es auch in der Handlung sehr wichtig ist. Genau deswegen ist es allerdings auch ein wenig das Konzept der Story, dass nichts wirklich überrascht. Dafür wird zu viel Forshadowing betrieben. Und wer einige andere JRPGs kennt, besonders die anderen Xenos von Tetsuya Takahashi, ja den wird im Verlauf des Spieles keine Enthüllung wirklich zu überraschen wissen.

Aber eben genau aus dem Grunde, weil dies teilweise so konzipiert ist, hat man darauf Acht gegeben, dass die Wendungen nicht alles in der Handlung sind. Stattdessen ist Xenoblade sehr darauf bedacht, dass trotz fehlender Überraschungen alles spannend bleibt, man dennoch wissen will, was demnächst passiert. Und vor allem auch mit der sympathischen Riege an Charakteren mitfiebert. Selbst der sprechende Hamsterhase, eindeutig der Comic Relief des Spieles, nervt überhaupt nicht, sondern ist in seinen punktuellen Einschüben ganz charmant.

Es kommt vor allem deswegen auch gut im Spiel, weil es dadurch wesentlich schwerer ist, den Faden zu verlieren, und Notfalls gibt es sogar noch eine Recap-Funktion. Denn Xenoblade Chronicles ist da Final Fantasy XII sehr ähnlich, in dem auch hier eigentlich ein MMORPG vorliegt, nur ohne es wirklich online und mit anderen spielen zu müssen/dürfen. Und das führt gelinde gesagt zu einem gewissen Ungleichgewicht im Pacing. Zwischen zwei Handlungsrelevanten Szenen können schon ein Dutzend Stunden des 100-Stunden-Kolosses von einem Spiel dahin gehen.

Jene verbringt man in der gigantischen Welt, die wirklich das absolute Highlight des Spieles darstellt. Die Gebiete sehen echt toll aus und sind genial durchdesignt. Wenn zum ersten mal Bionis Bein betreten wird, die erste wirklich große Ebene nach der abgekapselten Startkolonie. Die schiere Weiten des Tales dort, die umrahmenden Berge, zu denen man sogar den ganzen Weg hin laufen kann. Der wunderschöne Himmel darüber. Die Realisation, dass es kaum Invisible Borders gibt, sondern tatsächlich fast alles, was im Spiel gesehen wird, auch erreicht werden kann. Wo Wasser ist, kann geschwommen werden. Wo ein Abgrund ist, kann man sich zu Tode stürzen. Dann die erste Nacht im Sumpf. Die gigantische Elfenbeinstadt am Eryth Meer. Der Waserfall im Dschungel. Die Welt von Bionis ist eine, die man wirklich bereisen will. Und dabei entwickelt sich auch immer ein Gefühl dafür, wo auf dem Riesen man sich gerade befindet, wie all dies zusammenhängt, statt nur durch beliebig aneinandergereihte Setpieces zu pilgern. Da kann es natürlich auch mal eine Stunde dauern, bis alle Landmarken eines Gebietes gefunden sind. Im Weltendesign macht Xenoblade alles richtig.

Auch im Kampfsystem offenbart sich die Anlehnung an MMORPGs. Nicht nur in den Gegnern, von denen in den Lokalitäten schon mal welche durch die Gegend streifen, die beim ersten Betreten des Areals noch viel zu schwer sind, teilweise auch erst für die Endgame-Spezialkämpfe vorbehalten bleiben. Auch so sieht man den Einfluss, denn nach dem Anvisieren des Zieles geht der Charakter in die Auto-Attacke, während die beiden Mitstreiter von der KI übernommen agieren. Als Spieler übernimmt man nun nur noch die Aktivierung der Fähigkeiten und das etwaige Positionieren, damit sie besonders effektiv sind. Sobald sich eine gute Kombination gefunden hat, geht es also tatsächlich ziemlich schnell in die Dial-your-Skills Routine. Die Mitstreiter-KI ist übrigens brauchbar, aber die Möglichkeit von individuellem Feintuning wäre schon an manchen Stellen ganz hilfreich gewesen.

Was die gigantische Welt natürlich auch bietet, sind Dutzende über Dutzende von NPCs, die mit einem netten ! über dem Kopf anzeigen, dass sie Hilfe brauchen. Erneut darf hier nichts gegen MMOs gehabt sein, denn dies ist dem natürlich sehr ähnlich, mit Quests, die mehr oder minder alle in die drei üblichen Kategorien fallen von „Besiege [Anzahl] von [Monster]“, „Sammle [Anzahl] von [Gegenstand]“ und „Besiege [besonderes Monster]“. Leider tauchen hier die benutzerunfreundlichen Stolpersteine von Xenoblade auf. Denn das Questsystem ist gelinde gesagt suboptimal. Die NPCs tauchen nur zu ganz bestimmen Tageszeiten auf, und das hilfreiche ! über ihrem Kopf ist auch nur auf kurze Distanz sichtbar. Die zu finden und eventuell nach erfolgreichem Quest wiederzufinden, ist da schon schnell nervig (zugegeben, für die meisten Aufgaben muss anschließend nicht zurück). Erst im Affinität-Untermenü ist ersichtlich, wo sie wann sein sollten, aber das Ding ist unübersichtlicher, als einem lieb ist. Obwohl das Spiel jederzeit einen Pfeil gen nächsten Handlungsfortschritt anzeigt, gibt es keinerlei solcher Marker für die Nebenaufgaben, wo die Monster oder Gegenstände zu finden sind, muss selbst in den riesigen Gebieten gesucht werden. Und natürlich auch wann, wir erinnern uns an den Tageszyklus.

Dann kann noch mit NPCs getauscht werden, aber eine generelle Übersicht darüber, wer was gegen was eintauscht, die gibt es natürlich nicht. Außerdem müllt einem das Spiel mit Loot voll, bis es zu den Ohren rauskommt, und trotz Sortieroptionen ist das Inventar dadurch schnell ein unübersichtliches Durcheinander. Dazu kommen hunderte an Kristallsplittern, die übers Schmieden zu Edelsteinen raffiniert werden können, die wiederum in die Slots der Rüstung eingestanzt jene verbessern. Viel mit den gleichen Charakteren gekämpft, und ihre Affinität zueinander steigt, was nicht nur Zusatzszenen zwischen ihnen freischaltet, sondern auch ihre lernbaren Passivskills untereinander verlinken lässt. Auch mit den Regionen kann durchs Erfüllen von Nebenaufgaben und Sprechen aller NPCs die Affinität gesteigert werden, was wiederum mehr Nebenaufgaben und Tauschgegenstände freischaltet. Erntepunkte geben zufallsgeneriert weitere Gegenstände preis, die in ein Kompendium eintragbar sind.

All dies klingt nach viel auf einmal? Ist es auch. In Xenoblade Chronicles steckt genug Spiel, um fünf JRPGs zu füllen. Und ehrlich gesagt kann das schnell stressen und überfordern. Mein Rat hierzu also wirklich: Chill. Wer mit „Ich muss alles erledigen“-Zwangsneurose das Spiel angeht, der wird mit Xenoblade nicht glücklich. So viel, wie es einem entgegen wirft, und so unübersichtlich wie das Interface ist, sollte man am Besten erst mal entspannt Durchatmen und sich von der Vorstellung verabschieden dies alles erledigen zu müssen. Ich hatte tatsächlich viel mehr Spaß mit dem Spiel, als ich nur die Nebenquests gemacht habe, die ich auch so beim normalen Durchschreiten der Städte aufgefunden habe, Affinität und Edelsteine habe ich mich nur bedingt zugewendet, und vor allem war ich nicht abgeneigt einen FAQ anzuschauen, statt mich im Spiel dumm und dämlich zu suchen. Das hilft, wirklich.

Wer einen guten Teil der Aufgaben erledigt, der ist sowieso hoffnungslos überlevelt und gut ausgestattet. Leider ist das optimale Levelfenster in Xenobalde etwas klein. Einige Level über den Gegnern macht einen fast unbesiegbar, andersrum wischen leicht überlevelte Gegner aber auch schnell mal den Boden mit einer nicht vorbereiteten Gruppe, bzw. sind noch gar nicht zu schädigen. Dieses Ungleichgewicht, und das es für Aufgaben häufig besser Erfahrung als von Gegnern gibt, fällt besonders im letzten Spieldrittel auf, welches leider etwas demotivierend werden kann. Sobald Mechonis betreten wird, steigt nicht nur die Gefährlichkeit und Aggressivität der Gegner stark an, sondern die Nebenaufgaben nehmen auch stark ab, so das ich mich häufig unterlevelt fühlte, sowie sind die Einsatzgebiete auch langweiliger. Das macht konzeptionell Sinn, denn wo die Handlung endlich mal Schub aufgenommen hat, wird jenes nicht für zehn Stunden Sidequests unterbrochen, und im mechanischen Feindgebiet sind die Gegner halt gefährlicher und die tollen Landschaften weichen Industriekomplexen. Doch ein Dämpfer für die Motivation war die Zielstrecke von Xenoblade Chronicles schon. Zumal ich nach schon echt langen 80 oder so Stunden auch langsam eh das Ende sehen wollte.

Auf der anderen Seite wiederum gibt einem das Spiel auch viel benutzerfreundliche Dinge. Beispielsweise kann überall gespeichert werden. Passive Charaktere leveln dennoch mit. Man darf zwischen entdeckten Landmarken warpen. Und ein Tod ist bedeutungslos, da zu der letzten davon ohne jeglichen Verlust teleportiert wird. Das ist alles sehr von Vorteil in einem Spiel mit diesen großen Ausmaßen, und dem Platzieren von zu starken Gegnern hier und dort, damit das Erkunden auch nicht zu sehr gestört wird. Umso seltsamer ist dann die halbe Katastrophe, die Xenoblade an Menüführung/Interface verkauft, und mit der ich bis zum Schluss ein wenig zu ringen hatte.

Ebenfalls etwas im Ungleichgewicht ist die optische Präsentation. Wie gesagt ist das Design der Welt wirklich genial. Die Gebiete sehen geil aus und die Skyboxes sind alle wunderhübsch. Die Rüstungen sehen an jedem Charakter etwas anders aus, bieten 9 distinkte Outfits pro Mitstreiter. Und dann gibt es plötzlich die seltsamen Animationen, die das Gehen und Rennen echt merkwürdig aussehen lassen, oder die Lippenbewegungen sind ein monotones Schnappen wie bei einem Fisch auf dem Trockenen – nicht nur in der englischen Vertonung, sondern auch auf der japanischen Tonspur. Und letztendlich ist das Spiel natürlich auf der Wii beheimatet, es gibt also ausreichend Treppchenbildung, Matschtexturen, und Clippingfehler. Doch wenn es das erste Mal Nacht am Eryth Meer wird, dann ist das alles schnell vergessen.

Dazu dann noch die Musik, die einfach immer geil klingt, immer die Stimmung perfekt unterstützt, immer im Ohr hängen bleibt. Selbst die langweiligen Mechonis-Gebiete werden etwas durch die geile, militaristisch angehauchte, Mucke aufgewertet. Auch schön das Xenobalde zuerst in Europa erschien statt den USA. Wer nämlich auf die englische statt japanische Tonspur zurückgreifen will, bekommt so frische britische Sprecher geboten, statt zum millionsten Mal Yuri Lowenthal, Wendee Lee und Johnny Yong Bosch zu hören.

Fazit:
Xenoblade ist ein cooles Spiel, aber auch ein schwer den richtigen Ansatz zu findendes, um es wirklich zu genießen. Es erlaubt sich einige Schnitzer, viel Ungleichgewicht, und kann wirklich nur mit der richtigen Einstellung spaßig werden. Hauptattraktion ist eh die Welt, das Spiel ist gigantisch und episch und bietet unglaublich viel, aber eben genau das kann auch zu viel sein. Nicht in meinen Top-Charts, aber recht gut ist’s allemal, wie gesagt mit genügend mentaler Vorbereitung zumindest.

7 von 10 Punkten

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