Jade Cocoon: Die Tamamayu-Legende

    • Plattform: PlayStation
    • Release: 13.12.98 (J), 30.11.98 (US), 1999 (EU)

Nachdem Pokemon in 1996 die japanischen Kids im Sturm eroberte, war es abzusehen, dass andere Spielehersteller versuchen würden, auf den gleichen Zug des Monstersammelns aufspringen zu wollen. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. So war es Dragon Quest Monsters, Digimon oder Monster Rancher gestattet Jahre zu überlegen, während Azure Dreams und Jade Cocoon nach jeweils zwei Spielen wieder eingestampft wurden. Und das, obwohl Jade Cocoon auf der JRPG-boomenden PlayStation komplett lokalisiert und mit Studio-Ghibli-Charakterdesign weltweit erschien.

Liegt vielleicht an der überraschend düsteren Story ohne kunterbunte Farben und Knuddelmonster. Laut einer Legende erschuf Gott die Waldgeister, die anschließend gegen seinen Willen die Menschen ins Leben riefen. Da Gott dem Pack von Anfang an nicht traute, aber wo das Unglück nun mal schon geschehen war auch nicht wieder rückgängig machen konnte, verbot er den Waldgeistern zumindest die Interaktion mit ihrer neuen Kreation. Wie das mit verbotenen Früchten nun mal so ist, dauerte es nicht lange, bis sich ein Waldgeist in einem Menschen verliebte, und Gott deswegen beide Rassen bestrafte.

Das hat zur Folge, dass die Menschen nun in einem kleinen Dorf am Rande eines von Monstern überrannten, bedrohlichen Waldes leben. Ihre einzige Chance sind die Kokonmeister, die mit ihren Flöten in den Wald gehen, um Monster zu befriedigen, und die von einer Minderheit angehörigen Ehefrau unter Schmerzen in die Kokons transferiert werden. Der Kontakt mit dem verfluchten Wald führt jedoch dazu, dass die Kokonmeister und ihre Frauen verachtet werden. Levant ist der Sohn eines solchen Kokonmeisters, der vor Jahren spurlos im Wald verschwand. Und nachdem plötzlich ein Monsterschwarm aus dem Wald das Dorf überfiel, und nun fast alle zu Statuen versteinert sind, nimmt er selbst die Flöte in die Hand, um seinen Mitmenschen zu helfen.

Jade Cocoon ist ein recht überschaubares Spiel, wer nämlich nur strack hindurch geht, der wird nach ungefähr 8-12 Stunden das Ende zu sehen bekommen. Dementsprechend gestaltet sich auch die Handlung schnörkellos, die Legende als Rückkrad der Ereignisse plus etwas darüber herauszufinden, was im Wald vor sich geht, und die Interaktionen mit den Dorfbewohnern das Setting besser erleuchten zu lassen, reicht vollkommen aus, um das Spiel zu füllen. Und das Setting ist ein interessantes, gerade auch für JRPGs, erinnert ein wenig an Nausicaä, wenn jenes im Tal der Winde verbleiben würde. Sowohl den Retter des Lehmhütten-Dorfes zu spielen, der trotz alledem verachtet ist, während tiefer und tiefer in die feindlichen Wälder, die es umranden, vorgedrungen wird. Die Struktur erinnert sogar ein wenig an einen Dungeon Crawler light, denn neben dem HQ des Dorfes, in dem eingekauft und Monster gereinigt werden, existieren nur die zwei Mal zu durchlaufenden vier Waldabschnitte. Allerdings sind jene so überschaubar wir der Rest des Spieles, nach einigen Bildschirmen steht auch schon der Boss des Gebietes vor einem.

Levant an sich kann theoretisch gesehen selbst kämpfen, was jedoch nie eine sonderlich gute Idee ist, da dies in den meisten Fällen nur ein schnelles Game Over bedeutet. Stattdessen heißt es die im Wald sichtbaren Monster zunächst in den kritischen Bereich ihrer Lebensleiste zu bringen, um sie dann durch die Flötenmelodie in einen Kokon zu sperren. So weit, so Pokemon. Allerdings spielt hier bei der Erfolgsrate auch das Level von Levant, welches sich durchs Fangen weiterer Monster erhöht, eine Rolle. Seine Angetraute im Dorf reinigt nun die Monster, damit sie auch im Kampf einsetzbar sind, kann sie allerdings auch miteinander fusionieren. Das Ergebnis ist dann nicht nur eine Mischung an Statuswerten, sondern auch deren Optik. Wobei häufiger Mal ein Nachkomme herausspringt, der wenn es sprechen könnte, sicherlich darum bitten würde, es von seinem Leid zu erlösen – viele Ergebnisse schauen nur peripher lebensfähig drein.

Auf die Optik zu achten sollte sowieso nicht die oberste Priorität spielen, sondern natürlich eher das das Ergebnis von den Werten her stimmt. Bei Jade Cocoon gibt es in Sachen Monster zunächst nur vier verschiedene Statuswerte: Physischer Angriff, magische Kraft, Schnelligkeit, und Abwehr. Jene vier stehen allerdings in einer Matrix sich gegenüber, es ist immer besser sich auf zwei zu konzentrieren, statt zu versuchen, alle auszugleichen, da sonst nichts gescheites bei raus kommt. Ein Monster mit hoher physischer mit einem Monster mit hoher magischer Kraft zu kreuzen führt zu einem, welches in beiden maue Statuserhöhungen bei Level ups erfahren würde. Zusätzlich werden die Monster noch in die vier verschiedenen Naturelemente unterteilt, die gegeneinander super effektiv oder ziemlich unbrauchbar sind. Kämpfen kann auf Levants Seite allerdings nur eines gleichzeitig, und nur zwischen dreien gewechselt werden. Es ist also keine schlechte Idee, zumindest einen dieser drei Slots mit einem Monster zu füllen, welches aus zwei Elementzugehörigkeiten gekreuzt wurde, um alle vier im Team abzudecken. Jedoch ist zu beachten, dass reine Elemente immer stärker sind als gemischte. Bringt alles in allem etwas mehr Taktik ins Spiel, statt nur das knuffigste Vieh auszusuchen, und dann das ganze Spiel über nehmen zu dürfen. Wobei Jade Cocoon nicht zu den schwersten Spielen gehört, in jedem Gebiet ein paar neue Monster fangen und mit dem Bestand zu kreuzen, und es ist nicht sonderlich schwer durch die Wälder zu kommen.

Optisch ist das Spiel gefällig anzusehen, wenn vielleicht für einige auch etwas zu eintönig, da es eben nur ein Lehmhütten-Dorf und vier Waldgebiete zu bieten hat. Das Ghibli-Design ist jedenfalls gefällig, geradezu schade, dass es nur eine Eröffnungs-Anime-Sequenz gibt, der Rest es Spieles sind vorgerenderte Hintergründe, auf denen sich PSX-üblich leicht klobige 3D-Modelle bewegen. Passend zum etwas anderen Setting ist allerdings auch der von Flöten-Melodien geprägte Soundtrack. Als besonderes Schmankerl ist das Spiel übrigens damals komplett ins Deutsche lokalisiert worden. Sprich nicht nur die Bildschirmtexte, sondern auch die Sprachausgabe, da es in die wenigen Jahre fiel, bevor Sony merkte, dass sich das bei JRPGs nicht rechnet. Und die Vertonung ist sogar richtig kompetent ausgefallen, wieder besseren Wissens ist es nicht nötig, auf die amerikanische Version zurückzugreifen.

Fazit:
Jade Cocoon hat mir sehr gut gefallen. Das Setting ist eigen, die Handlung und das Spielgeschehen überschaubar und sich bewusst, wann genug ist, statt bis zur Ermüdung gestreckt zu werden, und Monster fangen und zu Eldritch Horror zu fusionieren schon fast die halbe Miete. Etwas mehr Fleisch hätte eventuell am Knochen sein können, sicherlich, jedoch für einen kurzen Happen zwischendurch ist Jade Cocoon absolut brauchbar.

8 von 10 Punkten

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