Stardew Valley

    • Plattform: PC
    • Release: 26.02.2016

Harvest Moon hat ein kleines Problem. Als die Serie Anfing quasi am Fließband neue Einträge abzuwerfen, wurden es die Leute langsam aber sicher überdrüssig, besonders da die überwiegend auf Handheld erschienen Teile seit dem DS auch nicht immer den besten Ruf hatten. Dann gibt es auch noch Rechteprobleme mit dem westlichen Namen, so dass neben Harvest Moon, welches nicht mehr Harvest Moon ist, auch noch Story of Seasons läuft, und die Leute sind irgendwie ganz raus. Doch Anfang des Jahres erschien ein Retter auf dem Markt der Indie-Spiele, der sowohl alte HM-Hasen wie Neulinge für sich einnehmen konnte: Stardew Valley.

Nachdem der komplett selbst zusammenbackbare Charakter, bei dem die wichtigste Entscheidung natürlich ob man ein Hunde- oder Katzentyp ist, fertig erstellt wurde, geht es auch schon los. Als kleines Rädchen in einer seelenlosen modernen Firma, die Fließband-Smartphone-Games produziert, ist John Doe natürlich nicht glücklich, also zieht es ihn ins Stardew Valley, um Bauer John Doe auf der Farm des verstorbenen Opas zu werden. Eine Farm, die ein Immobilienmakler mit „hat Charakter“ beschreiben würde, sprich das Ding ist klein und heruntergekommen und das komplette Farmland von Unrat überwuchert. Als Möchtegern-Öko selbstredend nur noch mehr Grund, hier zuzusagen, wer will schon ein komfortables modernes Großstadtleben, wenn er sein eigenes Dreckloch am Arsch der Welt bewohnen kann?

Witzig ist hierbei, dass ich zunächst nicht den besten Ersteindruck von Stardew Valley hatte. Ich persönlich fühlte mich stark überfordert. Das Farmland war zu groß, das restliche Tal zu weitläufig, die NPCs zu weit verstreut. Wie soll all das in der Realzeit eines fluxen Tages beschritten werden? Und dabei waren die Nebengebiete wie die Mine, Oase, oder Kanalisation noch gar nicht freigeschaltet. Nachdem ich ein paar ingame Tage im Spiel war, hatte sich der Eindruck allerdings sehr schnell revidiert, und genau genommen zu etwas Positivem gewandelt. Denn wo viele moderne Harvest Moons ein Problem haben ist, dass scheinbar nicht genug Inhalt im Spiel ist. Ich kann gar nicht sagen, wie häufig ich in einem davon halb durch das Spiel einen Dämpfer bekam, da scheinbar alles bereits gesehen und erlebt war, nichts Neues mehr auf den Teller kam. Oder noch schneller langweilig wurden, weil im Versuch den Inhalt besser über den Spielverlauf zu verteilen einfach Ewigkeiten zwischen freischaltbaren Neuem vergingen. Die zwei Jahre, die Stardew Valley allerdings braucht, um mit der am besten als Spielziel zu bezeichneten Evaluation anzurücken, nach der es natürlich nach Belieben endlos weiter gehen kann, waren sehr gut mit neuen Dingen zum Erleben oder darauf hinarbeiten gefüllt.

Vorrangig gibt es da natürlich die Farmarbeit der Felder bestellen und Tiere verpflegen. Jede Jahreszeit, die 28 Tage umfasst, stehen eine Hand voll Saatgut bereit, die entweder einmalig Früchte tragen, wiederholt erntereif sind, oder bei denen es sich um Blumen handelt. Die unter die Erde bringen, regelmäßig gießen, was mit der Maus im Spiel mehr als flott geht, und darauf warten, dass sie Erträge bringen. Vielleicht liegt einem ein Obsthain aber auch mehr, wobei die Bäume erst Mal ein volles Jahr brauchen, bevor sie ausgewachsen sind und Früchte zu tragen beginnen. Wesentlich schneller wachsen die wilden Bäume auf der Farm, die nicht nur Holz für die Zäune, den Bau von Scheunen, oder Ausbau des Hauses bereithalten, sondern an die Zapfhähne angebracht werden können, um Harz und Sirup zu erzeugen. Denn woran kein modernes Indie-Game vorbei kommt, ist Crafting, und so hält auch Stardew Valley dies bereit. Alles allerdings sehr übersichtlich, da alle Crafts jederzeit im Menü angezeigt werden, sowie welche Rohstoffe benötigt werden. Die meisten sind so oder so optional, helfen jedoch teilweise enorm weiter. Maschinen, um aus Eiern Mayonnaise, oder aus Beeren Marmelade herzustellen, Bienenstöcke für die Honigproduktion, oder Vogelscheuchen damit die Saat nicht gefressen wird, und Sprinkler um die Felder nicht langwierig selbst gießen zu müssen. Neben optischen Dingen wie die Nacht erhellenden Laternen ist hier eben viel dabei, welches die Farmarbeit erleichtert, so dass noch größere Felder bepflanzt werden können, und dennoch Zeit für den Rest bleibt.

Etwas merkwürdig ist allerdings die Option der Tierpflege. Es ist eine ordentliche Investition an Geld wie Rohstoffen, die Scheuen zu bauen und Tiere dafür zu ersteigern. Im Gegensatz zu Harvest Moon scheinen deren Erzeugnisse aber den Aufwand fast nicht wert zu sein, gerade wo eine nicht mal allzu hohe Anzahl an Tieren schnell dazu führt, dass sie das wilde Gras schneller fressen, als es für sie nachwachsen kann. Zumindest in der von mir gespielten Version 1.05 hielt ich lediglich wenige Tiere, und das nur weil es ohne merkwürdig gewesen wäre, da sie selbst mit höchstem Scheunenausbau, der deren Pflege erneut weitestgehend automatisiert, sie nie sehr profitabel erschienen. Nicht das man sich bei Stardew Valley erneut allzu sehr heranhalten müsste, um am Ende gut abzuschneiden.

Das Geld kann genausogut aus dem kühlen Nass gefischt werden. Das Tal hält je nach Jahres- und Tageszeit sowie Wetterverhältnissen so einige Spezies parat, darunter sogar mehrere Unikate in Form von Flusskönigen. Das Minigame, um die Fische an Land zu ziehen, ist unter Spielern berühmt-berüchtigt, wobei ich zugeben muss auf die Seite zu fallen, die so gut wie nie ein Problem damit hatten. Vielleicht auch einfach, weil ich doch nicht ganz so viel gefischt habe, und dann das Glück hatte mit den einfacheren Gebieten zu beginnen. Denn Stardew Valley hat ein Fähigkeitensystem. Je mehr Farmarbeit geleistet, in den Minen gegraben, oder geangelt wird, umso schneller levelt der dazugehörige Skill auf, was jene Aktivität einfacher macht und andere Boni freischaltet. Die schwereren Fische (vorwiegend im Ozean) ganz zu Beginn fangen zu wollen, macht daher wenig Sinn. Ich hatte jedenfalls fast immer meinen Spaß am Tauzieh-Wettkampf mit den glitschigen Gegenspielern. Mit der Ausnahme ein paar zu Recht verschriener Antagonisten wie einigen Königsfischen oder dem Oktopus und Lava-Aal, die scheinbar tatsächlich pures Glück sind herauszuziehen.

Der letzte Schauplatz der solitären Arbeit ist die Mine. Die hält natürlich Erze bereit, die aus Steinen und Boden gehauen werden, aber auch Monster, die dabei in die Quere springen und mit einem Schwert besiegt gehören. Ehrlich gesagt nie mein liebster Teil des Spieles gewesen, war ich in den Minen hauptsächlich dann, wenn ich unbedingt einen dortigen Rohstoff zum Craften oder Verbessern der Werkzeuge benötigte. Das Hack ’n Slay der Kämpfe ist mir zu ungenau gewesen, hier hätte ich es bevorzugt, wenn RPG-Mine und Rohstoff-Mine zwei separate Höhlen gewesen wären.

Ein soziales Leben hält Stardew Valley selbstverständlich auch parat, damit man in seiner Verzweiflung nicht anfängt, auf die Farmtiere zurückfallen zu müssen. Das Dorf von nicht unerheblicher Spannweite beheimatet mehrere Dutzend NPCs, von denen einige sogar bereit sind einen zu heiraten, nachdem ihre Zuneigung mit Geschenken erkauft wurde. Nett hierbei ist, dass das Spiel wieder etwas Streamlining beweist. Statt jeden Tag jeden NPCs abklappern, mit ihnen reden und sie beschenken zu müssen, damit die Zuneigung der Dorfgemeinschaft einem gegenüber wächst, können nur Maximal zwei Geschenke pro Woche pro Person überreicht werden, die dafür aber auch entsprechend viel Auswirkung zeigen, so dass ein kein großes Ding ist, wenn man jemandem für ein paar Tage nicht über den Weg läuft. Sobald geheiratet wurde, wobei das Geschlecht des Partners von dem des Spieler unabhängig ist, verkommen jene auch nicht zu besserer Deko wie in Harvest Moon. Ehepartner haben ihren eigenen kleinen Anbau, der ihre (eindimensionale) Persönlichkeit widerspiegelt, bewegen sich auf der Farm herum, und helfen sogar immer mal wieder bei der Arbeit. Feste sind natürlich ebenfalls ein Bestandteil des Soziallebens, und netterweise macht es einem das Spiel auch hier sehr einfach, sie nicht zu vergessen, in dem sobald eines losgeht eine kleine Bildschirminfo aufgeht, die bereitwillig nennt, wo man seinen Arsch hinbewegen muss, wenn man es nicht verpassen will.

Sonderlich hübsch ist Stardew Valley allerdings leider nicht, oder war es zumindest nie in meinen Augen. Es gibt natürlich niedliche Touches, wie das der Hund mit dem Schwanz wedelt, wenn man ihm Nahe kommt, oder nachdem man von der Oase zurückkehrt, eine Message sagt wie treu das Pferd auf einen wartete, jedoch lag mir noch nie dieser RPG-Maker/Indie-2D-Look. Als jemand, der am SNES aufgewachsen ist, sehen für mich die Sprites einfach immer etwas falsch aus, weil sie nicht stilisiert genug sind, Häuser sind zu weit, Bäume zu lang, irgendwer scheint nie zu wissen, wann zu viele Details eingefügt sind. Die Tiere sind sowieso hässlich wie die Nacht, abgesehen von den niedlichen Void Chicken und den Slimes. Dafür ist aber die Musik richtig, richtig gut. Wer das belanglos-endlose Gehudel einer Jahreszeit in Harvest Moon gewohnt ist, wird regelrecht überrascht mit den Melodien, die Stardew Valley stattdessen aufzufahren weiß.

Fazit:
Sicherlich ist nicht alles Gold was glänzt, und auch Stardew Valley hat ein paar Kleinigkeiten hier und dort, die ich persönlich für verbesserungswürdig halte. Dabei möchte ich allerdings noch mal betonen, dass ich Version 1.05 gespielt habe, seither der Entwickler einige Updates einspielte und die Popularität auch zu diversen inoffiziellen Mods geführt hat. Letztendlich habe ich jedoch die 50 Stunden für die 2 ingame Jahre so schnell durchgesüchtelt, dass es schwer glaubhaft zu machen ist, irgendwas davon hätte mich wirklich gestört. Wer also Bock auf eine Farmlebenssimulation hat oder nach einiger Zeit zur Harvest-Moon-Serie zurückzukehren gedenkt, kann getrost sowohl Harvest Moon wie auch Story of Seasons beiseite lassen, und direkt zu Stardew Valley greifen.

9 von 10 Punkten

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